Tuesday, November 22, 2005

Zur Reform der österreichichen Bundeshymne

Ludwig Wittgenstein formulierte einst: „Die Grenzen meiner Sprache sind die Grenzen meiner Welt.“ Diese Reduzierbarkeit von Wahrnehmung und Kommunikationsfähigkeit auf das Sprachvermögen ist auch in der medialisierten Welt von heute eine grundlegende Erkenntnis, die mit „Was ich nicht sagen kann, ist mir nicht vorstellbar“ zwanglos modern formuliert werden kann. Vor diesem Erkenntnishintergrund entwickelte sich die Sprachkritik der Gegenwart. Und in ihrem Licht ist der jüngste (gescheiterte) Vorstoß von Frauenministerin Maria Rauch-Kallat zu sehen, „Land der Berge“, das 1947 per Ministerratsbeschluss zum Text der Bundeshymne erklärte Gedicht von Paula von Preradovic, der Diskriminierung zeihte. Rauch-Kallat forderte in Aufnahme des sich verschiedentlich in den 90er-Jahren formierenden Widerstandes gegen eine als männerzentriert wahrgenommene Hymne deren „Verweiblichung“ (orf.at) oder „Neutralisierung“ (diestandard.at).

Im Kurier vom 26. September betonte Rauch-Kallat, dass es ihr um eine Änderung der in traditionellen Sprachmustern verfangenen österreichischen Denk- und Sprechgewohnheiten gehe: „Frauenpolitik ist auch Sprachpolitik und Bewusstseinsbildung.“ Weiters sei die Bundeshymne Ausdruck einer „Diskriminierung“: „Wenn von Söhnen die Rede ist, dann soll auch von Töchtern die Rede sein.“ Folgerichtig schlug Rauch-Kallat vor, „Heimat bist du großer Söhne“ durch Heimat großer Töchter, Söhne“ zu ersetzen und anstelle von „Brüderchören“ „freud’ge Chöre“ die Treue schwören zu lassen; der Schwur solle nicht dem „Vaterland“ gelten, sondern dem „Heimatland.“

Während die Frauenförderung in weiten Bereichen des österreichischen Lebens und Arbeitens – man denke nur an die Universitäten –, von großer Bedeutung ist und unzweifelhaft feststeht, dass Österreich in der Tat eine hohe Anzahl großer Töchter hat, muss der Vorschlag Rauch-Kallats aus drei Gründen als wenig zielführend bewertet werden.


Diskurs und Dichtung

Erstens übersah die Ministerin den Unterschied zwischen öffentlichem Diskurs und Dichtung. Denn während in der öffentlichen (offiziellen) Sprache darauf zu achten ist, Diskriminierungen lexikalischer oder syntaktischer Natur abzustellen, um dadurch das erstrebenswerte Ziel einer geschlechtergerechten Gesellschaft schneller erreichen zu können, trifft dies auf die Dichtung gerade nicht zu. Gedichte unterstehen – da sie (auch) andere Zwecke verfolgen als politische Sprechakte – (auch) anderen Gesetzen.

Als Kritik ließe sich nun einwenden, dass der Text einer Nationalhymne, auch wenn ihm ein Gedicht zugrunde liegt, zu einem Akt öffentlichen Sprechens geworden ist und daher höheren sozial- und genderpolitischen Ansprüchen genügen muss. Dieses Argument ist jedoch zurückzuweisen. Im Kern bleibt „Land der Berge“ ein Werk der Dichtkunst, auch wenn Paula von Preradovic die Zeilen anlässlich eines Wettbewerbs zur Findung der Nationalhymne textete. Die Hymne kann daher nicht an denselben, zu Recht hohen Maßstäben gemessen werden wie Ansprachen von Amtsträgern. Würde denn die politische Korrektheit auch für die Hymne eingefordert werden, wären weitere Textänderungen vorzunehmen. Einmal ließe sich fragen, ob „Land der Dome“ nicht ein inopportuner Beweis der Präferenz einer Religion ist –zumal es nicht „Land der Dome, Synagogen, Moscheen …“ heißt. Weiters: Stellt die Wendung „frei und gläubig sieh uns schreiten“ nicht eine Diskriminierung der atheistischen Österreicher dar? Schließlich wäre auch mit einiger Berechtigung zu überlegen, ob „Land der Hämmer“ nicht eine unzulässige Missachtung der Akademiker in sich trägt. Sollten sich diese nicht ausgeschlossen fühlen, wenn nur von „Hämmern“ die Rede ist? Aus einer sprachpoetischen Perspektive könnte noch eingewendet werden, dass die Wendung „Heimat großer Töchter, Söhne“ der Eleganz der Urfassung nachsteht.


Gender und Geschichte

Zweitens verkannte der Vorschlag Rauch-Kallats die Bedeutung der Hymne als historisches Dokument, in dem sich die Stimmungslage der wieder erwachten Republik kristallisiert. „Land der Berge“ ist ein historisches Dokument, zu einer Zeit entstanden, als die Relevanz des gendergerechten Formulierens selbst differenziert mit der Sprache Umgehenden noch nicht präsent war. Niemand wird Paula von Preradovic vorwerfen wollen, bewusst eine Brüskierung der Österreicherinnen vorgenommen zu haben. Niemand wird ihr unterstellen wollen, dass sie Bertha von Suttner, um nur eine der österreichischen Nobelpreisträgerinnen zu nennen, bewusst im Hymnenwege aus dem Kreis der illustren rot-weiß-roten Kinder ausschließen wollte.

Angebracht wäre es hingegen, die grundsätzliche Überlegung anzustellen, ob eine Hymne mit der Zeit gehen soll. Eine mögliche Antwort darauf ist, dass gerade die Kontinuität das Wesen von Hymnen ausmacht. Zumal „Land der Berge“ unter beispielhafter Betrachtung der Hymnen Frankreichs und der Vereinigten Staaten verhältnismäßig jung ist.

Abstimmung und Ablehnung

Drittens und abschließend scheint Volkes Stimme (von der die Bundeshymne später zu intonieren wäre) einer Änderung ablehnend gegenüber zu stehen. In einer orf.at-Umfrage sprachen sich nur 15,5 Prozent der Befragten für eine Änderung aus, während 84,5 Prozent die Hymne in der derzeitigen Form bevorzugten. Dieses Ergebnis überrascht, zählen die regelmäßig jungen und aufgeklärten, mit der Genderproblematik eher vertrauten Teilnehmer von Internetvoten doch tendenziell zu den weniger Traditionsbewussten.

Abschließend sei bemerkt, dass der Diskussion um die Hymne fraglos ein positiver Aspekt abzugewinnen ist – dies auch wenn von einer Änderung vorerst nun Abstand genommen wird –: Es bestehen gute Chancen, dass die Bekanntheit der Hymne zunimmt. Ob mit oder ohne Töchter.

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