Die neue Unsicherheit
Die Zeit wird schneller, die Arbeitswelt flexibler, der Mensch mobiler. Um sich die Karrierewege der Zukunft zu ebnen, müssen Erwerbsbiographien aktiv vorbereitet werden. Das verlangt nach Planungsarbeit – bereits in Studienzeiten.
Wirtschaftliche Entwicklungen verlaufen nicht geradlinig. Trends zu erkennen, ist schwierig und Vorhersagen eröffnen große Fehlerpotenziale. Doch angesichts der klaren Zeichen am Arbeitsmarkt ist offensichtlich, dass das Erwerbsleben eine profunde Neustrukturierung erfährt. Mit der neuen Unsicherheit hat ein systemimmanenter Entwicklungsfaktor die Informationstechnologie als größten Innovationsmotor abgelöst.
Wie wirkt sich die neue Unsicherheit aus? Einerseits hat sich die Fixierung auf traditionelle Ausbildungswege überlebt. Das Vertrauen, nach absolvierter universitärer Ausbildung binnen kurzer Zeit eine anspruchsvolle und interessante Tätigkeit aufnehmen zu können, ist im Schwinden begriffen. Alternative Bildungseinrichtungen und wirtschaftsnahe Ausbildungsstätten, wie Fachhochschulen, treten in Konkurrenz zu den Universitäten. Kombinationsstudien werden immer beliebter. Andererseits ist eine klare Fragmentarisierung der Erwerbsbiographien feststellbar. Die noch vor einer Generation als selbstverständlich hingenommene Ausbildungs- und Berufsbeständigkeit (eine Ausbildung – ein Beruf – ein Unternehmen) ist Vergangenheit. Eine Flexibilisierung des Arbeitsrechts und vielschichtige wirtschaftliche Entwicklungsprozesse, die zu internationalen Arbeitsplatzumschichtungen geführt haben, verunmöglichen auf Ebene der Arbeitgeber wie der Arbeitnehmer diesen den wechselseitigen Vertrauensvorschuss. Der moderne Arbeitnehmer ist flexibel, ein homo mobilis.
Universitäten und die ‚neue Unsicherheit’
Während die Auswirkungen der neuen Unsicherheit auf dem heutigen Arbeitsmarkt augenfällig sind, zeitigt das Phänomen auf universitärer Ebene noch zu wenig Folgen. Nur wenig Studierende wissen, welchen Beruf sie mit ihrem Studium anstreben. Das Phänomen der ‚neuen Planlosigkeit’ ist virulent geworden. Durchaus selbstbewusst wird Fragen nach Karrierevorstellungen mit Unwissen begegnet. Der Studierende von heute ist fast stolz darauf, nicht zu wissen, welchen Job er nach Beendigung seiner Ausbildung anstrebt.
Während dies zwar dem Prinzip vom flexiblen Menschen entspricht, der auf klare Festlegungen verzichtet und dynamisch Entscheidungen im Moment der Notwendigkeit treffen kann, hat ein mangelnder Zukunftsplan auch negative Nebenwirkungen. Studierende, die keine klaren Vorstellungen von attraktiven Berufsbildern haben, können ihre universitären Laufbahnen nicht zielgerichtet absolvieren. Allzu wenige Studierende absolvieren Praktika mit Blick auf zukünftige Berufsaussichten oder entscheiden sich für Freifächer in Anbetracht von berufsbedingten Qualifikationen.
Indes haben Studierende durch ihre ‚fachbezogene Allgemeinbildung’ angesichts des flexiblen Arbeitsmarktes von morgen – und aller Planlosigkeit zum Trotz – eine bessere Ausgangsbasis als Absolventen anderer Ausbildungswege. Universitätsabsolventen verfügen (im Idealfall) über Fähigkeiten, die auch in der unsicheren Arbeitswelt der Zukunft zentral sein werden: wissenschaftliches Grundlagenwissen; das Denken in Strukturen und Prozessen; das Erkennen von Mustern; den Mut, komplexe Fragestellungen zu bewältigen …
Während die neue Unsicherheit bewirkt, dass nicht vorhersagbar ist, welchen Beruf ein Absolvent einmal ausüben wird, kann schon heute reagiert werden: Den Herausforderungen der nächsten Jahre ist mit einer soliden Grundlagenausbildung zu begegnen. Spezialisierte Ausbildungswege zu absolvieren macht Sinn, sobald sich eine Wissensbasis verfestigt hat, von der ausgehend eine dynamische Entwicklung in verschiedene Berufsrichtungen möglich ist. Mit einer arbeitsplatzspezifischen, angewandten Ausbildung zu beginnen, birgt das Risiko, einer (nicht absehbaren) Verschiebung der geforderten Ausbildungsprofile ohne Flexibilitätspotenzial gegenüber zu stehen. Studierende sind angesichts der vielfältigen Herausforderungen, mit denen sie im Rahmen ihrer Ausbildung zurecht kommen müssen, besser auf die bewegte Berufswelt vorbereitet als jene Bevölkerungsteile, die arbeitsplatzspezifischere Bildungswege beschreiten.
Wissensmaximierung als Lebensaufgabe
Einmal im Berufsleben verfestigt, ist beständige Fortbildung ein zentraler Sicherheitshaken. Mit Beendigung des Studiums ändert sich nur der Ort des Lernens; stete Wissensmaximierung wird zur Lebensaufgabe. Folgerichtig verpflichtet der akademische Eid, den Absolventen anlässlich des Festaktes in der Aula schwören, zur steten Weiterbildung. Wer in einem Fachgebiet Qualifikationen erlangt hat, darf sich nicht mit den Status quo zufrieden geben. Neue Erkenntnisse sind zu realisieren und auf der persönlichen Wissensbilanz zu aktivieren.
Die Flexibilität wird in der von neuer Unsicherheit geprägten Arbeitswelt eine besondere – für beruflichen Erfolg und Misserfolg entscheidende – Stellung einnehmen. Schon heute ist eine neue erwerbsbiographische Spaltungslinie feststellbar zwischen jenen, die flexibel sind und jenen, die – auch aus Gründen ihrer spezialisierten Ausbildung – wenig geeignet (und geneigt) sind, den Übertritt in andere Berufsfelder zu vollziehen.
Ein zusammenfassendes Wort der Warnung ist am Platze: Wer planlos in die Zukunft geht, wird sich auf dem Arbeitsmarkt mit großen Schwierigkeiten konfrontiert sehen. Diese Erkenntnis sollte in einer selbstkritischen Analyse der eigenen Ausbildungsbiographie und der Berufsvorstellungen ihren Ausdruck finden. Doch auch eine entsprechende Bewusstseinsbildung enthebt nicht der Pflicht, proaktiv tätig zu werden. Die Welt wird schneller. Ihr einen Schritt voraus zu sein, ist unser aller Verantwortung.

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