Tuesday, October 31, 2006

Gesetz und Gewissen

Eine neue Studie zeigt, dass Studierende ein sehr entspanntes Verhältnis zum Schummeln haben: sie sehen es als Vorbereitung für das Leben nach der Uni.



In regelmäßigen Abständen werden die Universitäten gescholten, allzu theorielastige Ausbildung anzubieten. In vielen Studienrichtungen, namentlich jenen der Betriebswirtschafts- und Rechtswissenschaften, wird das Lob der praxisorientierten Ausbildung angestimmt. Indes, der Einfluss des „wirklichen Lebens“ auf die Universität ist stärker als gedacht: schon bei den Prüfungen handeln viele Studierende praxisnah – sie schummeln. Das belegt eine Befragung von 5300 amerikanischen und kanadischen Studierenden, die im für akademische Ehrlichkeit bekannten Amerika einiges Aufsehen erreg hat.

Zufolge der in der September-Ausgabe der Zeitschrift Academy of Management Learning and Education (Bd. 5, Nr. 3) unter dem Titel „Academic Dishonesty in Graduate Business Programs: Prevalence, Causes, and Proposed Action” veröffentlichten Studie gaben 56 Prozent der Studierenden der Wirtschaftswissenschaften zu, im letzten Jahr geschummelt zu haben. Bei Studierenden technischer Studienrichtungen waren es 54 Prozent, bei Sportwissenschaften 50 Prozent und bei Medizin 49 Prozent. Unter Nachwuchsjuristen fanden sich nur 45 Prozent, die zugaben, „akademische Unehrlichkeit“ begangen zu haben. Am ehrlichsten waren Studierende der Sozial- und Geisteswissenschaftlerinnen mit einem Schummleranteil von nur 39 Prozent.

Die Divergenz der Schummleranteile wirft eine Reihe interessanter Fragen auf. Verfügen die Studierenden der Geisteswissenschaften über höhere ethische Standards als die Betriebswirte und Techniker? Woran liegt das? Daran etwa, dass geisteswissenschaftliche Fächer im verstärkten Ausmaß aus ehrlichem Fachinteresse und weniger aus beruflichen Erwägungen gewählt werden? Oder sind, ausgehend von dem in der Prüfungsalltagswahrnehmung verfestigten Eindruck, dass hierzulande regelmäßig mehr als 39 Prozent der Studierenden schummeln, die Wirtschaftsstudenten die „ehrlichsten“? Immerhin geben sie zu, unehrlich zu sein. Besonders bedeutsam ist allerdings die Frage, ob es an der Praxisnähe der Studienrichtungen liegt, dass etwa Wirtschaftswissenschaften und Technik eher zum Schummeln anregen als andere Fächer.

Das direkt proportionale Verhältnis der schummelnden Studierenden zur Praxisnähe der jeweiligen Studienrichtung ist bemerkenswert. In der im Rahmen der Studie ebenfalls abgefragten Begründungen der Studierenden für ihr Verhalten weist die Praxis denn auch eine einflussreiche – und problematische – Rolle auf. Eine der Begründungen der Wirtschaftsstudierenden für ihr Verhalten lag in der Überzeugung, dass Schummeln eine „akzeptierte Verhaltensweise“ in der Wirtschaftswelt darstelle und dass man ohne Schummeln keinen beruflichen Erfolg haben werde. Professor Donald McCabe von der Rutgers Universität, der die Studie gemeinsam mit Kenneth D. Butterfield und Linda K. Trevino durchgeführt hatte, fasste die Grundeinstellung resignierend wie folgt zusammen: „What’s important is getting the job done. How you get it done is less important.”

Sollen Universitäten, denen die Praxisnähe verstärkt ins Pflichtenheft geschrieben wird, diesem Trend zur Zielorientiertheit der Wissensvermittlung nachgeben? Ja, könnte es heißen, da das Studium nicht akademischer Selbstzweck ist. Nein, ist indes die richtige Antwort. Die Auffassung, das „getting the job done“ von der Pflicht einer Prüfung des Wie enthebt, widerspricht fundamentalen wissens- und wirtschaftsethischen Grundsätzen. Corporate Social Responsibility, Fair Trading und Nachhaltigkeit stellen Kernbegriffe neuer wirtschaftlicher Entwicklung dar. Umgelegt auf das Rechtsleben, führte die Betonung des Erfolgs unter Außerachtlassung der Rechtsmäßigkeit und Rechtfertigbarkeit der Mittel, zu einer Dikatur der Ziele. Ein Anwalt muss sich nach bestem Wissen und Gewissen für seinen Mandanten einsetzen – aber eben auch nach bestem Gewissen. Unehrlichkeit im Studium als Methode zu akzeptieren könnte dazu führen, die Lüge als juristisches Arbeitsmittel gutzuheißen.

Sollte das Studium in Reaktion auf derartige Gefahrenlagen eher auf weniger als auf mehr Praxisnähe drängen? Auch dieser Ansatz wäre verfehlt. Jedes Studium muss für die Berufslaufbahn vorbereiten, Gefahren aufzeigen, Versuchungen beschreiben, Chancen aufdecken und Möglichkeiten eröffnen. Wenn das Studium vermittelt, dass Unehrlichkeit in der Wirtschaft (oder im juristischen Alltag) akzeptiert ist oder sein sollte, ist es falsch konzipiert. Wenn im Studium nicht klare ethische Standards gelehrt werden, verfehlt es seinen Zweck. Umfassend (aus)gebildete Juristinnen und Juristen sollten nicht vergessen, dass Recht mehr ist als Wirtschaftsrecht und dass das Gesetz nie das Gewissen aufheben kann. In Prüfungssituation nicht zu schummeln, ist ein erster Schritt.

0 Comments:

Post a Comment

<< Home